Aufklärungsfilm „Sex We Can?!“
Filmkritik: "Sex We Can?! - ein Aufklärungsprojekt"
Filmkritik: "Sex We Can?! - ein Aufklärungsprojekt"
Schon seit 20 Jahren hatte es in Österreich keinen neuen Ansatz im Genre der Aufklärungsfilme gegeben. Das änderte sich 2009, als das Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur in Kooperation mit dem Wiener Programm für Frauengesundheit einen innovativen Film auf den Weg brachte. Der Film „Sex, we Can?! – ein Aufklärungsprojekt“ soll Jugendliche genau dort abholen, wo sie sich mit Fragen zu Sexualität konfrontiert sehen.
Quelle/Copyright: DMGfilm
Herausgeber und Entstehung des Projekts
Herausgeber des Films ist das Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur, das eng mit dem Wiener Programm für Frauengesundheit zusammenarbeitete. Die fachliche Konzeption wurde vom Österreichischen Institut für Sexualpädagogik erstellt. Die Redaktion lag beim Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur, Abteilung Schulpsychologie-Bildungsberatung.
Regie führte Oliver Svec, die Produktion übernahm Lemonaut Creations Vienna.
Der Aufklärungsfilm „Sex We Can?!“ wurde speziell für den Einsatz im Unterricht und in der Jugendarbeit entwickelt und erschien 2009. Er basiert auf aktuellen Forschungen im Jugend- und Sexualbereich, Erfahrungen aus der Jugendsexualberatung und moderner Sexualpädagogik. Das umfangreiche Begleitmaterial (ein Manual mit über 190 Seiten) wurde ebenfalls vom Österreichischen Institut für Sexualpädagogik im Auftrag des Ministeriums erstellt.
Die Idee hinter "Sex We Can?"
Die Macher des Aufklärungsfilms erkannten ein ziemlich großes Problem: Jugendliche werden zum Thema Sexualität mit Informationen überschwemmt. Klar ist aber auch, dass die Teens ein Bedürfnis nach echten Informationen aus erster Hand haben. Dieses wird auf fatale Art und Weise durch sexuelle mediale Aufarbeitung in Sex- und Pornofilmen, durch das Internet und Handyclips beantwortet. Fachbücher oder Vorträge, die die bestehende Informationskette aus Medien und Freundeskreis nicht berücksichtigen, finden dagegen nur wenig Anklang.
Die Wahl des Mediums Film war daher für die Macher keine Zufallsentscheidung, sondern sexualpädagogisch eine bewusst Entscheidung. Der Film bietet genau auf jenem Informationskanal, der für das Thema generell schon häufig genutzt wird, einen Gegenentwurf. Damit wird das Thema Sexualität in einer ehrlichen und für Jugendliche auch praxisorientierten Weise aufbereitet.
3 Episoden über das Erwachsenwerden
„Sex We Can?! – ein Aufklärungsprojekt“ ist eine Reihe von Aufklärungsvideos mit insgesamt 24 Minuten Laufzeit, die sich an Jugendliche ab 14 Jahren richtet. Das Format kombiniert Animationsfilm und Kurzspielfilm. Der Film ist für Deutschland ab 12 Jahren freigegeben (FSK 12)
Innerhalb der Episoden geht es um das junge Paar Sophie und David. Diese erleben gemeinsam die Wirren der ersten Liebe und versuchen, sich zwischen Unwissenheit und Unsicherheit zurechtzufinden. Dabei widmet sich der Film den sexuellen Aufklärungsthemen in einer unterhaltsamen und jugendgerechten Weise.
Episode 1: Das erste Mal und andere Katastrophen
Die erste Episode zeigt, was Sophie und David beim Verlieben lernen. Behandelt werden Themen wie Schönheitsempfinden, gesellschaftlicher Druck, Verhütung, sexuelle Orientierung und gesetzliche Regelungen. Auch psychische und biologische Grundlagen kommen in der ersten Folge des Aufklärungsfilms zur Sprache, etwa Vulva und Samenerguss.
Episode 2: Wie Sexualität biologisch funktioniert
Sophie und David entdecken in der zweiten Episode die kleinen und großen Missverständnisse ihrer Beziehung. Die Folge vermittelt dabei zum einen biologische Fakten, erklärt aber zum anderen auch die Fruchtbarkeit. Es wird außerdem die Frage beantwortet, was alles Sexualität ist. Thematisiert wird zudem der Unterschied zwischen Handlung und Stimmung sowie die Zufriedenheit mit dem eigenen Körper.
Episode 3: Sexualität in einem neuen Zeitalter
Die letzte Episode von „Sex We Can?! – ein Aufklärungsprojekt“ zeigt, wie Sophie und David letztlich zueinander finden, und zwar trotz der Probleme in der medialen Welt. Es geht außerdem um Fragen zum Orgasmus, um Pornografie und den Unterschied zwischen Fantasiewelt und Realität. Abschließend wird die Frage geklärt, wodurch Sexualität „gut“ wird.
Der pädagogische Ansatz von "Sex We Can?! - der Aufklärungsfilm"
Sexualität ist ein ziemlich emotionales Thema. Das ist auch der Kerngedanke des Projektes. Sexualität beinhaltet Sehnsucht, Wunsch, Fantasie, Lust und Respekt. Jugendliche befinden sich in einem sexuellen Entwicklungsstadium, in dem sie mit all diesen sexuellen Gefühlen in einer neuen Form konfrontiert werden.

Der offene Dialog zwischen Erwachsenen und Jugendlichen wird aber verhindert, wenn man die emotionale Komponenten ignoriert. Wünsche, Fantasien und das Bedürfnis, sexuell erwachsen zu sein, stehen hier im Fokus. Genau hier setzt der Aufklärungsfilm „Sex We Can?!“ an. Er ist demnach ein gemeinsames Projekt von Filmpädagogik und Sexualpädagogik.
Das Manual: Arbeitsbuch für Pädagogen
Begleitend zum Film wird ein Manual angeboten, das weit über eine einfache Handreichung hinausgeht. Auf über 190 Seiten bietet es einen fundierten Überblick über alle relevanten Aspekte der Sexualpädagogik. Das Manual ist in drei Hauptteile gegliedert:
- Teil 1 – Sexualpädagogik: Grundlagen der sexualpädagogischen Arbeit mit Jugendlichen
- Teil 2 – Fachliche Vertiefung: einzelne Kapitel widmen sich detailliert Themen wie biologischen Grundlagen, Verhütung, Massenmedien und Pornografie, sexueller Orientierung, Liebe in Partnerschaften, Attraktivität, sexuell übertragbaren Krankheiten, sexualisierter Gewalt und Übergriffen, juristischen Fragen, Werten und der Frage, was Sex ist und was Sex gut macht
- Teil 3 – praktische Anwendung: Einsatz von Methoden sowie eine umfangreiche Sammlung von Fragen und Antworten, die in der Praxis häufig gestellt werden
Das Manual wurde von einem Team renommierter Experten verfasst, darunter Wolfgang Kostenwein, Bettina Weidinger, Daniela Dörfler, Wolfgang Wilhelm, Olaf Kapella, Horst Schalk, Lilly Axster und Martina Staffe.
Sexualisierte Gewalt und Prävention
Ein besonders wichtiges Kapitel des Manuals widmet sich dem Thema sexualisierte Gewalt und Übergriffe. Die Autorin Lilly Axster betont, dass gute Aufklärung und ein möglichst selbstverständliches Sprechen über Sexualität ein wichtiger Teil von Vorbeugung und Schutz vor sexueller Ausbeutung sind.
Viele Pädagogen befürchten Vorwürfe, durch das Thematisieren von Sexualität mögliche schlechte Erfahrungen erst benennbar zu machen und damit quasi herauszufordern. Das Manual stellt allerdings klar, dass das nicht zutrifft. Missbrauch und Übergriffe sind keine Form von Sexualität, sondern Gewalt. Sexualerziehungsprojekte können Schülern helfen, eine Sprache und Vertrauen zu finden, sich mitzuteilen.
Der Grund ist leicht erklärt. Täter suchen den Zugang zu denen, die sie missbrauchen, häufig über deren sexuelle Neugierde. Gerade große Tabuisierung von allem, was mit Sex zu tun hat, wird dabei leider ausgenutzt. Wenn Lehrkräfte also Sexualerziehung in ihrer Klasse anbieten, ist das ein wertvoller Beitrag zur Prävention sexualisierter Gewalt.
Ein Film mit Schwächen und Stärken
Das Österreichische Institut für Sexualpädagogik selbst nimmt 2024 eine kritische Einordnung des Films vor. Zugegeben: „ – ein Aufklärungsprojekt“ ist ein in die Jahre gekommener Film über das erste Mal eines heterosexuellen Paares. Der Film musste bereits in seiner Entstehung vielen Kompromissen standhalten, die aus sexualpädagogischer Sicht nicht immer erwünscht waren.
Die Kritik der Einseitigkeit der heterosexuellen Beziehungsdarstellung ist berechtigt, ebenso wie das Vorhandensein einiger geschlechtsspezifischer Klischees. Als sexualpädagogisch gelungen werden jedoch die Unterscheidung von vaginaler Erektion und Erregung sowie die Aufarbeitung des Themas Pornografie in einer humorvollen Weise hervorgehoben.
Das Institut betont aber auch, dass ein Film Sexualpädagogik nicht ersetzen kann und auch nicht ersetzen soll. Wird dieser Aufklärungsfilm über Sexualität eingesetzt, dann muss mit den Jugendlichen auch über kritische Aspekte gesprochen werden.
Wo und wie ist der Film verfügbar?
Das Medienpaket „Sex We Can?!“ ist weiterhin über kirchliche und pädagogische Medienzentralen in Deutschland verfügbar, unter anderem bei der Evangelischen Medienzentrale Sachsens und den Medienzentralen der EKKW und der EKHN. Der Film ist sowohl als Online-Medium als auch im Verleih erhältlich. Die Zielgruppen sind nach wie vor die Jugendarbeit und die Sekundarstufe I.