Die Schule des BDSM
Die Schule des BDSM
Die Schule des BDSM
Wenn es um das Thema BDSM geht, dann scheiden sich die Geister. Es gibt die alte Schule, die neue Schule … und gefühlt hat jeder, der in Kontakt mit BDSM kommt, eine eigene Meinung. An sich ist das auch sehr gut, aber es gibt im Grunde dadurch keine einheitliche BDSM-Szene. Wir möchten versuchen, die Schule des BDSM einmal genauer zu betrachten und dabei sowohl die alte als auch die neue Schule gleichermaßen anzusprechen. Eine Gratwanderung, so viel steht fest.

Old-School-BDSM: Was sind die alten BDSM-Werte?
Fangen wir erst mal mit dem „alten BDSM“ an, was auch gerne als Old-School-BDSM bezeichnet wird. Manch einer würde sogar sagen, es ist hedonistisches oder einfaches weichgespültes BDSM. Diese Menschen sind der Ansicht, dass es beim alten BDSM vor allem um Sex, Technik und um Sicherheit geht. Dinge wie Emotionen, Gemeinschaftssinn und Gratwanderungen, also der Kern von BDSM in der heutigen Zeit, soll dabei nahezu verschwunden sein.
Doch wie war das früher in der Szene wirklich? Generell war die BDSM-Szene in den 60er- und 70er-Jahren noch sehr überschaubar. Man kann fast sagen, dass BDSM eher im „Untergrund“ agiert hat. Durch die 68er-Bewegung kam zwar auch die sexuelle Offenheit, aber gerade BDSM blieb in gewisser Weise dennoch ein Tabuthema.
In Städten wie Berlin und Hamburg war es noch verhältnismäßig einfach, Zugang zur Szene zu erhalten, aber anderswo … schwierig. Dass BDSM so öffentlich dargestellt wird, wie es heute der Fall ist, gab es früher nicht. Es gab auch keine Clubbesuche, fast öffentliche Playparties oder Stammtische. Stattdessen fanden sich BDSMler in privaten Räumen zusammen. Eingeladen wurde man in der Regel nur über private Kontakte.
Die kleine Welt des BDSM
Dadurch, dass sich damals kleine Netzwerke etablierten, hatten BDSMler oft den Eindruck, dass es nur diese eine Art von BDSM gibt. Man war schlichtweg in dieser Gruppe aktiv und hielt alles dort für normal. Kam es dann aber zu einem Umzug in eine andere Gegend beispielsweise, suchten sich die Menschen (ziemlich mühsam) eine neue Gruppe Gleichgesinnter.
Teilweise kam es hier zu massiven Unterschieden. Schon damals gab es also überhaupt kein einheitliches BDSM. Generell wechselten die Menschen auch viel seltener ihre Region, wie es heute der Fall ist. Für einen Job umzuziehen ist heutzutage bei Weitem keine Seltenheit mehr. Damals dagegen schon.
Große Wertschätzung im Old-School-BDSM
In der eigenen Region war es damals nicht ganz so einfach, einen guten BDSM-Partner zu finden. Diese werden heute oft als „Spielbeziehung“ bezeichnet. Damals schätzte und pflegte man diese Bekanntschaften deutlich mehr als heute. Man sagte damals auch nicht, dass man BDSM „spielen“ würde, sondern man praktizierte es.
Generell war das Old-School-BDSM geprägt von einer hohen Ernsthaftigkeit. Im Vergleich zu heute ging es daher weitaus mehr zur Sache. Dabei gab es sogar Gruppen, die das Konstrukt eines Safewords (wie es heute normal ist) gar nicht kannten.
Der Zusammenhalt gestaltete sich in diesen kleinen Gruppen sehr stark. Das lag aber weniger daran, dass alles sehr tolle Menschen waren, sondern eher daran, dass man durch sein „Schicksal“ verbunden war. Neigungen zu BDSM galten in sehr frühen Zeiten als krank oder pervers. Die Gruppe und jedes einzelne Mitglied war daher extrem darauf bedacht, dass nichts nach außen drang. Die Angst, stigmatisiert zu werden, war groß. Dadurch schweißte es die Menschen zusammen, obwohl diese vielleicht nicht immer auch wirklich gut zusammenpassten.
Die ersten Vernetzungen von Gruppen
Lange vor dem Internet kam es dann zu einer, man könnte sagen „zaghaften Vernetzung“ von einzelnen Gruppen. Es entstand eine Art kleine Clubszene, teilweise wurden sogar Workshops oder Fetisch Festivals abgehalten. Allgemein erhöhte sich die Mobilität der Menschen, sodass sich Gruppen leichter vernetzen konnten.
Die Gruppenteilnehmer, die nun neue Kontakte kennenlernten, erkannten, dass es mehr als eine Art von BDSM gab. Viele von ihnen entwickelten daher ein individuell geprägtes BDSM.
Die neue BDSM-Szene in den Zeiten des Internets
Mit dem neuen Medium Internet war es gar nicht mehr nötig, aus dem Haus zu gehen, um sich mit anderen Menschen zu vernetzen oder Bondage und Sadomaso beim Telefonsex zu erleben. Man konnte Kontakt zu anderen Personen und Gruppen der BDSM-Szene aufnehmen, interagieren und auch deren BDSM-Gewohnheiten kennenlernen. Bei persönlichem Gefallen konnte man den Verhaltenskodex übernehmen und sich an diese neue Umgebung anpassen.
Dadurch wurden BDSM-Stile, die sich in diesen einzelnen Gruppen entwickelt hatten, aber natürlich auch stark diskutiert. Das hatte logischerweise Vor- und Nachteile. Die Menschen lernten neue Techniken kennen, alte Strukturen konnten aufgebrochen werden. Dazu kam, dass durch das Internet immer mehr (ungeprägte) Menschen in die BDSM-Szene stießen. Die neue und alte Schule des BDSM vermischte sich.

Die Anonymität des Internets
Das Internet ist nicht nur eine Möglichkeit, sich schneller zu vernetzen und Neues kennenzulernen. Es ist vor allem anonym! In einer persönlichen BDSM-Gruppe musste man quasi direkt „Sanktionen“ fürchten, wenn man sich falsch verhalten hatte. Das war im Netz nicht der Fall. Man konnte (und kann immer noch) mit einem neuen Pseudonym nahezu bei 0 anfangen.
Man könnte sich Sir nennen, die alte BDSM-Schule vertreten und sich als erfahren darstellen … ohne dass man es überhaupt ist. Niemand kann prüfen, wer wirklich dahinter steckt. Der Vorteil ist aber natürlich auch umgekehrt erkennbar. Mehr Menschen haben Zugang zur BDSM-Szene und können sich neu erfinden, Neues ausprobieren und Neues entdecken.
Sicherheitskonzepte in der BDSM-Szene
Mit dem Internet, den vielen neuen BDSM-Interessenten und der regen Diskussion entstanden auch Gespräche über Sicherheitskonzepte. Generell gab es in den letzten 50 Jahren wirklich viele Veränderungen in unserer Gesellschaft. Diese schlägt auch auf die BDSM-Szene.
Die gesellschaftlichen Standards veränderten sich (und das tun sie immer noch), Frauen haben deutlich mehr Rechte, es gibt mehr persönliche Freiheiten. Auch die Themen Missbrauch und Diskriminierung werden offener angesprochen, über Schutz debattiert.
In der BDSM-Szene wurden weibliche Dominas damals eher seltener akzeptiert. Heute? Ganz normal. Das BDSM der alten Schule möchte den alten Zeitgeist zwar retten, übersieht dabei aber vielleicht, dass es auch Schattenseiten gegeben hat. Wir reden hier im Übrigen von einer Zeit, in der Vergewaltigung in der Ehe noch nicht strafbar war. Umgekehrt muss man aber in Bezug auf die BDSM-Szene auch betonen, dass damals bei Weitem nicht alles „schlecht“ war. Einige Menschen sehen die damalige BDSM-Szene nur schlichtweg etwas verklärter und wehren sich zum Teil gegen sehr gesunde und gute moderne Entwicklungen.
Alte vs. neue BDSM-Schule oder Ritual-BDSM vs. Individual-BDSM?
Viele Menschen sprechen von der alten BDSM-Schule und der neuen BDSM-Schule. Wir sind der Ansicht, dass man es anders nennen sollte. Sprechen wir doch lieber vom Ritual-BDSM und vom heutigen Individual-BDSM.
Früher war das größte Problem, überhaupt einen BDSM-Partner zu finden. Heute ist die Auswahl riesig, daher fokussiert man sich eher darauf, auszuhandeln und zu besprechen, wie die BDSM-Beziehung gestaltet werden soll. Einfacher heißt aber auch, dass alles schnelllebiger ist. Wobei das auf die alte BDSM-Schule genauso zutreffen kann wie auf die neue, individuelle Zeit.

Gemeinsame BDSM-Standards gab es früher und gibt es heute. Einige BDSMler der alten Schule werfen den neuen BDSMlern vor, dass das moderne BDSM oberflächlich, schnelllebig und eben hedonistisch sei. Teilweise mag das stimmen, aber eben nur teilweise. Vorwürfe in die andere Richtung der modernen Szene in Richtung alte BDSM-Schule gibt es dagegen kaum … obwohl diese möglicherweise genauso angebracht wären.
Was zeigt uns das? Eigentlich gibt es gar kein Old-School-BDSM und kein New-School-BDSM. Sowohl früher als auch heute wurde BDSM nie richtig vereinheitlicht. Bedingt durch soziale Strukturen gab es schlichtweg früher einen recht kleinen (sichtbaren) Tellerrand (obwohl es faktisch auch dort schon viele verschiedene Fetisch-Arten gab). Heute ist der Tellerrand deutlich sichtbarer.
Heute noch im Old-School-Stil in der BDSM-Szene unterwegs sein
Wer heutzutage tatsächlich BDSM im alten Stil betreiben möchte, dürfte theoretisch dann gar nicht im Internet unterwegs sein. Stattdessen müsste man die Kontakte ganz konsequent auf ein oder zwei kleine Gruppen beschränken, ganz nach alter Schule eben. Daran sieht man aber schon leicht, dass die Frage nach Old-School-BDSM oder eben New-School-BDSM vor allem eines ist: Kopfsache.
Am Ende ist und bleibt BDSM vor allem eines. Die Beteiligten legen (in welcher Form, wo und wie auch immer) fest, wie sie gesund, reflektiert und verantwortungsvoll miteinander agieren möchten. Hier gibt es eine große Bandbreite, sowohl früher als auch heute. Im Endeffekt sprechen „Old“ und „New“ an sich vom Gleichen, aber in anderer Sprache.